Das Türkische Haus: Das räumliche Gedächtnis einer Zivilisation, die ihrem Nachbarn die Sonne überlässt
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Das Türkische Haus: Das räumliche Gedächtnis einer Zivilisation, die ihrem Nachbarn die Sonne überlässt

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Beim Stöbern auf X stieß ich auf folgenden Satz von Ali Kaan: „Die Türken sind ein Volk, das es verdient, nicht in engen Wohnungen, sondern in echten türkischen Häusern mit Innenhof zu leben.“ Der Satz mag im ersten Moment etwas romantisch, vielleicht auch etwas anspruchsvoll klingen… Aber es gibt Sätze, die noch bevor man ihre Richtigkeit prüft, im Menschen den Wunsch wecken, sich etwas vorzustellen. Bei mir war es genau so. Plötzlich stellte ich mich in jenem gepflasterten Hof auf dem Bild vor, neben einem blühenden Baum, dessen Schatten auf den Boden fällt, vor einem Haus, dessen Holzfenster das Morgenlicht sanft nach innen lassen. Dann fügte ich dieser Vorstellung einen Garten hinzu. Einen Brunnen, eine Sitzbank, ein leises Wassergeräusch, Efeu, der sich an eine Steinmauer lehnt, oben ein Erker, dazwischen der Hayat, innen der Sofa… Und irgendwann bemerkte ich, dass ich nicht nur an ein Haus dachte; ich dachte an eine Lebensweise.

Danach wollte ich für Sie einen ausführlichen Beitrag vorbereiten, damit die Eigenschaften türkischer Häuser besser bekannt werden. Zuerst habe ich natürlich recherchiert. Mir begegneten Zeichnungen, Begriffe, Kommentare zu alten Stadtgefügen und eine ganze räumliche Denkweise, die von Safranbolu bis Buchara reicht. Am Ende sah ich deutlicher: Das türkische Haus ist nicht nur ein architektonisches Erbe der Vergangenheit. Es ist zugleich ein Gedanke, der in den Raum geschrieben wurde; ein Gedanke darüber, wie wir zusammenleben können, wie wir schauen sollten und vielleicht sogar darüber, wie wir Mensch bleiben können.

Heute erheben sich Gebäude in vielen modernen Städten innerhalb ihrer Parzellen mit ihren eigenen individuellen Ansprüchen. Jedes wirkt unabhängig vom anderen, stellenweise sogar wie ein Konkurrent. In der traditionellen türkischen Stadt ist diese Beziehung anders. Das Haus berücksichtigt nicht nur seinen eigenen Komfort, sondern auch das Licht des Nachbarn, den Schatten der Straße und die Luft des Viertels. Deshalb spricht man in türkischen Vierteln, die eine traditionelle horizontale Architektur übernommen haben, von einer Sensibilität, die sich etwa so zusammenfassen lässt: „Der Schatten eines Hauses soll der Sonne des anderen nicht den Weg abschneiden.“

Heute diskutieren wir die Wohnfrage meistens über Quadratmeter, Fassade, Aussicht, Zimmerzahl, Küchentyp und die Möglichkeiten einer Wohnanlage. Das traditionelle türkische Haus stellte diese Frage jedoch anders. Es interessierte sich weniger dafür, wie groß ein Haus sein sollte, sondern vielmehr dafür, welche Art von Leben ein Haus tragen sollte. Dieser kleine Unterschied verändert eigentlich die gesamte architektonische Haltung. Denn dann hört das Gebäude auf, eine Hülle zu sein, die sich über den Menschen schließt; es wird zu einem Organismus, der seinen Alltag begleitet, seine Beziehung zur Natur ordnet und das Nachbarschaftsrecht beinahe unsichtbar schützt.

Ein lehrreiches 3D-Diagramm, das die architektonische Anatomie eines traditionellen türkischen Hauses mit allen äußeren und inneren Elementen detailliert mit türkischen Begriffen beschriftet zeigt.
Ein lehrreiches 3D-Diagramm, das die architektonische Anatomie eines traditionellen türkischen Hauses mit allen äußeren und inneren Elementen detailliert mit türkischen Begriffen beschriftet zeigt. Das Bild aus der ursprünglichen Quelle wurde mit heutiger Technologie neu interpretiert. (1)

Wenn vom türkischen Haus die Rede ist, erscheint bei vielen Menschen zuerst der Cumba, also der Erker, vor dem inneren Auge. Weiß verputzte Wände, hölzerne Balkenlagen, tiefe Schatten unter den Dachvorsprüngen, steingepflasterte Straßen, manchmal auch hohe Hofmauern… Doch das türkische Haus nur über sein äußeres Bild verstehen zu wollen, bleibt unvollständig. Denn die Kraft dieser Häuser liegt auch in einer inneren Logik verborgen, die von außen nicht sofort sichtbar wird. Im Zentrum dieser Logik steht das Maß. Aber dieses Maß ist nicht nur ein mathematisches oder geometrisches Verhältnis. Es ist ein wenig Anstand, ein wenig Recht, ein wenig Klimawissen und auch ein wenig Feinheit des Lebens.

Deshalb muss man, wenn man über das türkische Haus spricht, auch über die Stadt sprechen. Denn das türkische Haus ist meist nicht von der Straße getrennt. Es ist eine natürliche Fortsetzung des Stadtgefüges, in dem es steht. Heute erheben sich Gebäude in vielen modernen Städten innerhalb ihrer Parzellen mit ihren eigenen individuellen Ansprüchen. Jedes wirkt unabhängig vom anderen, stellenweise sogar wie ein Konkurrent. In der traditionellen türkischen Stadt ist diese Beziehung anders. Das Haus berücksichtigt nicht nur seinen eigenen Komfort, sondern auch das Licht des Nachbarn, den Schatten der Straße und die Luft des Viertels. Deshalb spricht man in türkischen Vierteln, die eine traditionelle horizontale Architektur übernommen haben, von einer Sensibilität, die sich etwa so zusammenfassen lässt: „Der Schatten eines Hauses soll der Sonne des anderen nicht den Weg abschneiden.“ Vielleicht wurde dies nicht überall mit derselben Strenge angewandt, vielleicht hat es sich im Laufe der Zeit verändert, aber man spürt, dass diese Vorstellung im architektonischen Gedächtnis eine sehr starke Spur hinterlassen hat.

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Panoramaaufnahme von meinem ersten Besuch in Safranbolu. 21. April 2012

Wenn vom türkischen Haus die Rede ist, gehört Safranbolu zweifellos zu den ersten Städten, die einem in den Sinn kommen. Interessanterweise bin ich beim Schreiben dieses Beitrags in mein eigenes Fotoarchiv gegangen und zu dem Tag zurückgekehrt, an dem ich Safranbolu zum ersten Mal gesehen habe. Dabei stellte ich fest, dass ich diese Stadt genau vor 14 Jahren, am 21. April 2012, zum ersten Mal besucht habe. Trotz der vergangenen Zeit ist das Gefühl dieser ersten Begegnung noch immer sehr lebendig. Selbst in einer Zeit, in der die Gebäude noch nicht so glanzvoll präsentiert wurden wie heute und ästhetische Eingriffe sowie touristischer Schimmer noch nicht so stark im Vordergrund standen, rief Safranbolu eine tiefe Bewunderung hervor. Denn beeindruckend war nicht nur die Schönheit der einzelnen Häuser, sondern das Maß, die Ruhe und die Eleganz, die ein ganzes Gefüge hervorbrachte. Bei jedem Besuch in Safranbolu bemerkte ich ein anderes Detail; manchmal die Art, wie eine Straße den Schatten trägt, manchmal die Neigung eines Erkers zur Straße, manchmal das verborgene Leben hinter einer Hofmauer. In dieser Hinsicht ist Safranbolu nicht nur eine Stadt, die man sieht, sondern ein räumliches Gedächtnis, das man bei jeder Rückkehr neu liest. Das einzige Problem könnte die zunehmende touristische Belastung der Region sein; die Menschenmengen lassen leider oft nicht genügend Raum, um innezuhalten, nachzudenken oder überhaupt wirklich zu sehen…

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Wenn man auf Siedlungen wie Safranbolu blickt, wird diese Situation viel konkreter. Während sich die Häuser an den Hang setzen, versuchen sie nicht nur, die beste Aussicht für sich zu gewinnen. Statt einer aggressiven Siedlungslogik, die einander vollständig den Blick versperrt, sieht man eine gestufte, zurückweichende, atmende Ordnung. Deshalb wirken diese Häuser nicht nur schön; sie wirken auch gerecht. Es ist sehr interessant: Wenn man durch manche Städte geht, spürt man, auch ohne technisch genau zu wissen, was richtig ist, dass etwas auf eine gerechte Weise eingerichtet wurde. Die Stadtsprache, die das türkische Haus bildet, ist ein wenig so.

An diesem Punkt lässt sich sagen, dass zwischen Städtebau und Moral eine stille Verbindung entsteht. Denn das türkische Stadtverständnis ist nicht nur eine physische Ordnung, die auf das Bedürfnis nach Wohnen antwortet, sondern die räumliche Gestalt der Beziehung des Menschen zum Menschen und zur Natur. Die Stadt ist hier nicht die Summe von Betontürmen, die in den Himmel ragen. Sie ist eher eine Lebensfläche, die den Boden berührt, den Wind versteht, die Richtung der Sonne ernst nimmt, die Nachbarschaft achtet, die Privatheit schützt und Begegnung dennoch nicht vollständig auslöscht.

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31. Juli 2015 – Istanbul

Auch die Straßen sind ein wichtiger Teil dieses Systems. Wenn heute von engen Straßen gesprochen wird, denkt man manchmal an etwas Negatives. Im traditionellen Gefüge bedeutet Enge jedoch nicht immer Bedrängnis. Im Gegenteil: Die enge Straße erzeugt oft Schatten, schützt den Gehenden und schafft einen näheren Maßstab zwischen Gebäude und Mensch. Das Hinausgreifen der Dachvorsprünge in die Straße, der Rhythmus der Auskragungen, die Kontinuität der Wandflächen, die Lage von Türen und Fenstern; wenn all dies zusammenkommt, hört die Straße auf, nur ein Durchgangskorridor zu sein, und verwandelt sich in einen gelebten Zwischenraum. Die Straße ist dann nicht mehr der Raum des Autos, sondern der Raum des Blicks, des Grußes, des Wartens und der kurzen Begegnung.

Auch die Elemente an der Außenfassade des türkischen Hauses sind Bestandteile dieser klimatischen und sozialen Feinheit. Der Dachvorsprung etwa ist nicht nur ein Bauelement, das vor Regen schützt. Er schützt zugleich die Fassade vor der Sonne, lenkt den Wasserabfluss, erzeugt Schattentiefe und mildert die Atmosphäre der Straße. Der Çörten hingegen ist ein kleines, aber äußerst wichtiges Detail, das das auf dem Dach gesammelte Regenwasser kontrolliert ableitet. Diese Elemente, die heute von vielen kaum noch wahrgenommen werden, zeigen eigentlich, wie bewusst die Beziehung zum Wasser gestaltet war. Das gilt ebenso für First, Pelvaze, Fensterläden, Tropfkante und Eckfenster. Jedes einzelne wirkt klein, aber die Summe des Kleinen erzeugt einen großen architektonischen Verstand. Die Wirkung des türkischen Hauses liegt auch hier verborgen: Es entfaltet seine Kraft nicht durch große Gesten, sondern durch kleine Entscheidungen, die am richtigen Ort getroffen wurden.

Eines der auffälligsten Elemente der Fassade ist zweifellos der Cumba. Der Cumba ist das zur Straße hinausragende Gesicht des türkischen Hauses. Doch dieses Hinausragen ist nicht aggressiv; es ist maßvoll. Es stellt eine Beziehung zur Straße her, erweitert den Blick, ermöglicht der im Inneren sitzenden Person eine größere Sicht und bereichert den Maßstab der darunterliegenden Straße. Gleichzeitig ist es aber keine vollständige Öffnung. Durch den Cumba beobachtet das Leben im Inneren das Außen; es liefert sich ihm jedoch nicht vollständig aus. Hier besteht ein sehr feines Gleichgewicht zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Vielleicht ist dies eine der elegantesten Seiten des traditionellen türkischen Hauses: Es verschließt sich nicht ganz, aber es gibt sich auch nicht völlig preis.

Das türkische Haus ist nicht nur ein architektonisches Erbe der Vergangenheit. Es ist zugleich ein Gedanke, der in den Raum geschrieben wurde; ein Gedanke darüber, wie wir zusammenleben können, wie wir schauen sollten und vielleicht sogar darüber, wie wir Mensch bleiben können.

Wenn wir das Haus betreten, begegnen wir einer anderen Welt. Das türkische Haus wirft uns nach der Tür nicht direkt in sein Zentrum. Es verlangsamt diesen Übergang. Deshalb ist der Taşlık wichtig. Der Taşlık ist wie eine Übergangsschicht zwischen Außen und Innen. Er ist nicht ganz draußen, aber auch noch nicht wirklich drinnen. Die Kühle des Steins am Boden, das Ausziehen der Schuhe, das Verlangsamen der Bewegung, die Vorbereitung des Körpers auf den Innenraum… Wenn man all dies zusammen denkt, wird der Taşlık nicht nur zu einer funktionalen, sondern auch zu einer sinnlichen Schwelle. Diese feine Idee des Übergangs, die wir in heutigen Wohnungen verloren haben, ist hier noch immer spürbar.

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Einer der wichtigsten Begriffe des türkischen Hauses ist der Hayat. Schon sein Name verrät die Absicht dieser Architektur. Denn dieser Bereich ist nicht nur eine Leere oder eine Zirkulationsfläche; er ist der gelebte Ort. Er ist eine halb offene, halb geschlossene, vielschichtige Schnittstelle, an der das Haus mit Garten, Hof und Alltag in Berührung tritt. Der Morgenkaffee kann hier getrunken werden, Gäste können hier empfangen werden, Kinder können hier spielen, im Sommer kann hier Kühlung gesucht werden. Diese durchlässige Lebensweise zwischen Innen und Außen, die wir heute fast vergessen haben, wird im Hayat wieder sichtbar.

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Das Türkische Haus: Das räumliche Gedächtnis einer Zivilisation, die ihrem Nachbarn die Sonne überlässt 12

In Verbindung mit dem Hayat ist auch der Sofa das Rückgrat des türkischen Hauses. Der Sofa ist nicht nur ein Verteilerraum, von dem aus die Zimmer erschlossen werden. Er ist ein gemeinsames Zentrum, in dem die Familie einander sieht, in dem Stimmen ineinanderfließen und in dem sich die Bewegung im Haus bündelt. Unterschiedliche Typen wie Innen-Sofa, Außen-Sofa oder Mittel-Sofa zeigen, wie dieser Raum sich je nach regionalem Klima und Lebensgewohnheiten verändert. Das türkische Haus ist also keine starre Typologie; es ist ein lebendiges Schema, das sich dem Kontext anpasst. Diese Flexibilität ist sehr wertvoll. Denn gute Architektur zwingt meistens nicht eine einzige richtige Form auf, sondern hört auf die Geographie und die Lebensweise, in der sie entsteht.

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Sofa im türkischen Haus (oberhalb der Treppe) – entnommen

In manchen Regionen tritt auch der Eyvan zu diesem Reichtum der Zwischenräume hinzu. Der Eyvan übernimmt als einseitig offener, halbschattiger und tief wirkender Übergangsraum besonders in der Beziehung zum Klima eine wichtige Rolle. In warmen Regionen spendet er Schatten und ermöglicht Luftzirkulation, zugleich verleiht er dem Raum Rhythmus und beinahe ein zeremonielles Gefühl. Er verhindert, dass das Haus plötzlich beginnt; er lässt es sich langsam öffnen. Solche Räume sind in modernen Wohnungen stark zurückgegangen. Dabei braucht der Mensch auch psychologisch solche Übergänge. Wir möchten nicht nur durch eine Tür von einem Ort zum anderen wechseln, sondern durch eine Schwelle, eine Pause, einen Schatten, einen Rhythmus.

Auch die Ordnung der Zimmer setzt dieses Verständnis fort. Im türkischen Haus wird ein Zimmer nicht wie heute als Kasten gedacht, der auf eine einzige Funktion festgelegt ist. Je nach Bedarf kann es dem Sitzen, dem Schlafen oder dem Empfang von Gästen dienen. Diese Flexibilität macht den Raum lebendig. Denn sie erlaubt die Veränderlichkeit des Lebens. Wandnischen, Einbauschränke, Sitzbänke, Yüklük und feste Einbauten verhindern, dass das Zimmer nur ein leerer Raumkörper bleibt; sie verleihen ihm eine Nutzungskultur. Hier sind Möbel und Architektur nicht voneinander getrennt. Die Möbel erscheinen nicht wie nachträglich hinzugefügte Gegenstände, sondern fast so, als seien sie aus dem Raum selbst hervorgegangen.

Der Sedir ist in diesem Zusammenhang nicht nur ein Element, auf dem man sitzt; er ist die Form, in der der Raum eine Beziehung zum Boden und zum Körper herstellt. Das bodennahe Sitzen, die Lage nahe am Fenster, der von Angesicht zu Angesicht fließende Gesprächsrhythmus, das Erleben von Licht und Aussicht auf unterschiedlichen Ebenen… All dies beeinflusst den Rhythmus, den der Alltag mit dem Körper aufnimmt. Auch deshalb ist das türkische Haus ebenso ein Haus des Körpers wie ein Haus des Auges. Es ist nicht nur eine räumliche Sprache, die betrachtet wird, sondern ein Raum, der gelebt wird.

Hof und Garten bilden die eigentliche Schicht, in der das türkische Haus mit der Landschaft zusammentrifft. Meiner Meinung nach wird dieses Thema nicht ausreichend besprochen. Denn wenn man das türkische Haus nur als Gebäude betrachtet, beginnt man seine starke Beziehung zum Außenraum zu übersehen. Dabei ist der Hof ein ergänzender Teil dieses Hauses; manchmal sogar sein Herz. Dass er von hohen Mauern umgeben ist, dient nicht dazu, ihn von außen abzuschneiden, sondern im Inneren eine freie Privatheit zu schaffen. Im Hof gibt es einen Baum, einen Brunnen, ein kleines Blumenbeet, eine Ecke zum Sitzen, manchmal Elemente des Produzierens, manchmal Bewegungsraum für Kinder. Hier ist Landschaft keine Dekoration, sondern eine Fortsetzung des Lebens. Die Gartengestaltung wird nicht nur gemacht, damit sie schön aussieht; sie ist da, um Schatten zu erzeugen, Früchte zu tragen, Düfte zu verbreiten, Kühle zu spenden und die Jahreszeit spüren zu lassen.

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Datça Türk Evi Hotel – entnommen

Das ist sehr wichtig: Im türkischen Haus ist die Natur kein nachträglich hinzugefügtes Dekor. Natur und Architektur wurden zusammen gedacht. Die Beziehung des Holzes zum Wasser, des Steins zum Schatten, des Hofes zum Himmel, des Baumes zur Fassade wirkt fast nicht wie von Anfang an entworfen, sondern eher wie mit der Zeit gereift. Vielleicht ist es auch gerade das, was das türkische Haus so eindrucksvoll macht. Es ist kein Gebäude, das sagt: „Seht, wie sehr ich gestaltet wurde.“ Es wirkt eher wie ein Raum, der schöner geworden ist, weil er richtig bewohnt wurde.

Auch die Materialsprache trägt dieselbe Schlichtheit. In den unteren Geschossen fallen die Kühle und Festigkeit des Steins auf, in den oberen Geschossen die Flexibilität und atmende Struktur des Holzes. Der Stein ist wie ein kräftiger Körper, der den Boden berührt; das Holz hingegen eine Schicht, die der Luft, dem Licht und dem Leben näher ist. Das ist nicht nur eine konstruktive Entscheidung. Es ist zugleich ein klimatisches und sinnliches Gleichgewicht. Während der Stein massenhafte Sicherheit und Kühle bietet, erzeugt das Holz im oberen Aufbau eine leichtere und bewohnbarere Atmosphäre. Die Proportionen der Fenster, Gitter, Fensterläden, Zwischenräume unter den Dachvorsprüngen und sogar die Form der Türklopfer sind Teil dieser ganzheitlichen Sprache.

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Hier gewinnt die Verbindung zwischen Ästhetik und Recht erneut an Bedeutung. Denn das türkische Haus ist nicht nur gut, weil es schön ist; oft ist es schön, weil es gut gedacht ist. Die Idee, die Sonne des Nachbarn nicht abzuschneiden, die Sensibilität, den Wind der Straße nicht vollständig zu ersticken, das Bemühen, im Hof Privatheit zu schützen und zugleich im Inneren Weite zu erhöhen… All dies erzeugt gemeinsam eine Ästhetik. Schönheit entsteht hier also nicht nur aus der Form, sondern aus der Richtigkeit der Beziehungen. Das halte ich für sehr wichtig. Denn in Architektur und Stadtgestaltung werden Form und Ethik heute oft voneinander getrennt. Das traditionelle türkische Haus erinnert uns jedoch daran, dass wahre Schönheit bisweilen daraus entstehen kann, auch an den anderen zu denken.

Vielleicht ist das Nachdenken über das türkische Haus deshalb nicht nur eine historische Neugier. Es enthält auch sehr ernste Fragen an die Städte und die Wohnproduktion von heute. Was wir uns nun fragen sollten, ist dies: Warum produzieren wir so viele Gebäude, aber so wenige Lebensräume? Warum werden die Quadratmeter größer, während das Leben kleiner wird? Warum werden die Fenster breiter, während die Nachbarschaft enger wird? Warum werden Balkone größer, aber jenes Gefühl des Aufatmens, das man im Hof hatte, verschwindet? Warum ist alles neuer, während wir uns ärmer, irgendwie innerlich dürftiger fühlen?

Eine der Antworten liegt vielleicht darin, dass wir begonnen haben, Raum nur noch als Eigentum zu sehen. Das türkische Haus hingegen errichtete den Raum als Beziehungsfeld. Deshalb gehörte das Haus nicht nur seinem Besitzer; es war Teil eines Ganzen, in dem auch der Nachbar, die Straße, der Wind, der Schatten und die Jahreszeit mitgedacht wurden. Ob sich dieser Blick eins zu eins in die Gegenwart übertragen lässt, weiß ich nicht sicher. Darum geht es auch nicht, die Vergangenheit zu kopieren. Es hätte keinen Sinn, eine oberflächliche Nostalgiearchitektur zu betreiben und zu sagen: Bauen wir in jedem Viertel Safranbolu-Häuser, machen wir jedes Apartmenthaus mit Erkern. Die eigentliche Frage ist, ob wir den Gedanken hinter diesen Häusern mit den Bedürfnissen von heute neu lesen können.

Vielleicht können wir heute kein neues Viertel aus türkischen Häusern errichten. Aber aus dem, was das türkische Haus lehrt, können wir neue Wohnprinzipien entwickeln. Wir können Übergangsräume zurückrufen. Wir können halb offene Bereiche wieder ernst nehmen. Wir können das Nachbarschaftsrecht im Planungs- und Baurecht sichtbarer machen. Wir können Sonne, Schatten, Wind und Privatheit nicht nur als technische Daten, sondern als Fragen der Lebensqualität betrachten. Wir können Straßen nicht nur für den Fahrzeugverkehr, sondern auch für Begegnung und Verschattung entwerfen. Wir können Landschaft aus der Rolle einer Dekoration befreien, die erst nach dem Gebäude gedacht wird, und sie zu einem wesentlichen Teil des Bauwerks machen.

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11. September 2014 – Kastamonu

Genau an dieser Stelle wird das türkische Haus für mich wertvoll. Es ist kein nostalgischer Gegenstand, der in den staubigen Seiten der Vergangenheit geblieben ist. Es ist eher wie ein stiller Lehrer, der uns daran erinnert, dass eine andere Art zu leben möglich ist. Ja, seine Sprache mag alt sein. Ja, seine Begriffe mögen dem heutigen Menschen im ersten Moment fremd erscheinen: Hayat, Sofa, Eyvan, Taşlık, Cumba, Çörten… Aber wenn man sich ihnen ein wenig nähert, merkt man, dass jedes dieser Wörter nicht nur ein architektonisches Element ist, sondern auch eine Haltung zum Leben.

Und ich glaube, genau hier verdichtet sich die eigentliche Frage. Das türkische Haus erzählt uns nicht nur, wie man ein Haus baut, sondern wie man sich an einem Ort niederlässt. Es zeigt, wie man Nachbar ist, wie man Sonne teilt, wie man mit dem Garten spricht, wie man im Schatten ruht, wie eine Schwelle Bedeutung gewinnt. Vielleicht brauchen wir heute genau das am meisten: nicht mehr Gebäude, sondern mehr Bedeutung; nicht mehr Geschosse, sondern mehr Beziehung; nicht mehr Fassaden, sondern mehr Hayat, mehr Leben.

Der Satz von Ali Kaan wirkte im ersten Moment vielleicht wie ein Satz aus den sozialen Medien. Aber er hat mich lange beschäftigt. Denn manchmal misst sich die Wahrheit eines Satzes nicht an Statistiken, sondern an der Tür, die er im Menschen öffnet. Als ich durch diese Tür blickte, sah ich Folgendes: Das türkische Haus ist nicht nur eine Wohnhaustypologie, die in der Vergangenheit geblieben ist. Es ist ein starkes Gedächtnis, das menschlichen Maßstab, das Recht des Nachbarn, Harmonie mit der Natur und räumliche Eleganz zugleich tragen kann.

  • Vielleicht können wir nicht wieder dieselben Häuser bauen. Aber dieselbe Feinheit können wir neu herstellen.
  • Vielleicht werden wir nicht durch dieselben Straßen gehen. Aber wir können dafür sorgen, dass Straßen sich wieder an den Menschen erinnern.
  • Vielleicht wird nicht jedes Haus einen Hof haben. Aber jedes Leben braucht ein wenig Himmel, ein wenig Schatten, ein wenig Grün und auch eine räumliche Ethik, die den Nachbarn mitdenkt.

Das türkische Haus sagt mir ein wenig genau das. Und vielleicht gehören türkische Häuser gerade deshalb ebenso sehr der Zukunft wie der Vergangenheit an.

Peyzax'ın kurucu ve idarecisi. KARSUMA kitabının yazarı (çok yakında).

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